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Paruresis: Die Angst vor dem Pinkeln

Wer krankhaft Angst hat, öffentliche Toiletten zu benutzen, leidet vielleicht an Paruresis, einer Form der Phobie. Tipps von Experte Professor Hammelstein
von Dr. med. Dagmar Schneck, aktualisiert am 26.03.2015

Wenn das Wasserlassen auf öffentlichen Toiletten nicht möglich ist, trauen sich Betroffene oft kaum noch aus dem Haus

Thinkstock/istock

Das Problem gibt es schon lange. Doch erst seit wenigen Jahren hat es auch einen Namen: Paruresis, auf Englisch "Shy bladder Syndrome" (übersetzt in etwa: schüchterne Blase). Das bedeutet, dass ein Mensch Schwierigkeiten hat, außerhalb seiner privaten Umgebung Wasser zu lassen. Anders als man im ersten Moment vermutet, stehen nicht Ekel vor den hygienischen Zuständen auf bestimmten öffentlichen Toiletten im Vordergrund. Entscheidend ist die Anwesenheit oder auch nur die befürchtete Anwesenheit anderer Menschen.

Was sind typische Beschwerden einer Paruresis?

Es gibt verschiedene Abstufungen einer Paruresis. Manche Betroffene brauchen nur eine Weile bis sie Wasser lassen können. Sind die Beschwerden voll ausgeprägt, können sie ihre Blase selbst bei deutlichem Harndrang gar nicht entleeren. Entscheidend für den Schweregrad der Erkrankung ist auch, in welchen Situationen die Probleme auftreten. Manche Männer können zum Beispiel nur an Urinalen in öffentlichen Toiletten nicht Wasser lassen. Sie können also ihr Problem umgehen, indem sie die Kabine aufsuchen. Menschen mit dem Vollbild der Paruresis können ihre Blase oft nur noch im eigenen Badezimmer entleeren.

Typisch für die Paruresis ist, dass die Betroffenen ihr Leben so organisieren, dass sie Situationen vermeiden, in denen sie nicht Wasser lassen können. Bei einer voll ausgeprägten Paruresis bedeutet das, dass es nur noch sehr wenige Orte gibt (wie zum Beispiel die Toilette zuhause), welche die Betroffenen zum Urinieren nutzen.

Dieses Vermeidungsverhalten hat gravierende Folgen für das gesamte Leben. Die Betroffenen suchen sich zum Beispiel einen Arbeitsplatz in der Nähe ihrer Wohnung – damit sie für jeden Toilettengang nach Hause gehen können. Treffen mit Freunden, Partys oder Kneipenbesuche sind irgendwann gar nicht mehr möglich, ebenso Urlaubsreisen. Als Folge treten bei einem großen Teil der Betroffenen Beschwerden einer Depression auf.

Paruresis – die Angst, beim Urinieren beobachtet zu werden

Corbis/Sven Hagolani

Wie häufig ist eine behandlungsbedürftige Paruresis?

Erst seit den 1980er Jahren gibt es Untersuchungen zur Paruresis als behandlungsbedürftige Erkrankung. Lange Zeit existierten keine klar definierten Kriterien für die Diagnose. Daher gibt es auch sehr unterschiedliche Angaben zur Häufigkeit. Seit 2001 gibt es einen standardisierten Fragebogen der Universität Düsseldorf zur Paruresis. Die damit ermittelte Häufigkeit liegt bei etwa drei Prozent. Die meisten Betroffenen, die mit ihren Beschwerden einen Arzt aufsuchen, sind Männer.

Was ist die Ursache einer Paruresis?

Auslöser für die Probleme beim Wasserlassen ist die Anwesenheit anderer Menschen oder, genauer gesagt, die Angst davor, beim Urinieren von anderen beobachtet oder belauscht zu werden. Aber warum wirkt sich die Angst überhaupt auf die Funktion der Blase aus?

Die Blase ist ein Speichermuskel, der unten durch einen inneren und einen äußeren Schließmuskel verschlossen ist. Beeinflusst werden diese Muskeln in erster Linien durch das autonome Nervensystem. Nur zu einem kleinen Teil ist eine willentliche Steuerung der Blasenfunktion möglich. Im Speichermodus ist die Blase entspannt, die beiden Schließmuskeln sind angespannt und verschlossen. Verantwortlich dafür ist der Aktivitätsnerv, der Sympathikus. Für die Entleerung der Blase muss der Ruhenerv, der Parasympathikus aktiv werden. Er sorgt dafür, dass der Speichermuskel sich zusammenzieht und die beiden Schließmuskeln sich öffnen. – Angst und Stress führen zu einer Aktivierung des Sympathikus. Selbst bei prall gefüllter Blase sind dann die Schließmuskeln verschlossen und können mit willentlicher Anstrengung nicht mehr so leicht geöffnet werden. Es ist also bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar, dass man in Angst- und Stress-Stituationen die Blase nicht entleeren kann.

Woher kommt die Angst bei der Paruresis?

Die entscheidende Ursache für die Paruresis ist, dass sich die Angst vor dem "Pinkeln müssen und in bestimmten Situationen nicht können" verselbstständigt. Psychologen erklären das mit dem sogenannten "Zwei Faktoren Modell".

  • Der erste Faktor ist beispielsweise ein Angst und Scham auslösendes Ereignis in Verbindung mit einem Toilettengang. Ein vorstellbarer Auslöser könnte sein, dass ein Betroffener als Kind von anderen auf der Toilette bedroht wurde, oder dass sich jemand beim Wasserlassen über ihn lustig gemacht hat.
  • In einer ähnlichen Situation kann dann eine sogenannte Erwartungsangst entstehen. Der Betroffene fürchtet, dass das Wasserlassen wieder nicht möglich sein könnte. Voraussetzung für die Erwartungsangst ist, dass der er das "nicht Pinkeln können" für sich als negativ bewertet. Es gehen ihm zum Beispiel Gedanken durch den Kopf wie: "Wenn das jemand mitkriegt wie lange ich hier brauche, hält er mich sicher für unnormal". Wenn die Erwartungsangst dazu führt, dass das Wasserlassen wieder nicht funktioniert, ist das der zweite Faktor dafür, dass sich die Angst verselbstständigt und auch ohne echten Auslöser wiederkommt.

Der Krankheitswert der Störung entsteht daraus, dass der Betroffene beginnt, die als bedrohlich empfundene Situation (Pinkeln in der Anwesenheit oder auch der befürchteten Anwesenheit anderer) zu vermeiden und sein Leben danach umzuorganisieren. Das Vermeiden der Situation verschafft dem Betroffenen zwar eine kurzfristige Erleichterung, führt auf Dauer aber zu einer erheblichen Einschränkung von nahezu allen Lebensbereichen.

Häufig neigen die betroffenen Menschen dazu, sich selbst stark zu beobachten und "immer alles ganz richtig" machen zu wollen. Betroffene Männer leiden häufiger als die Durchschnittsbevölkerung unter sogenanntem männlichen Geschlechtsrollenstress. Das bedeutet, dass sie eine ganz genaue Vorstellung davon haben, was ein Mann angeblich alles können muss (zum Beispiel eben im Stehen pinkeln). Wenn sie diesen (eigenen) Regeln nicht entsprechen, geraten sie unter Druck.

Da die Angst der entscheidende Faktor für die Symptome ist, wird die Paruresis auch den Angststörungen und zwar den "nicht generalisierten sozialen Phobien" zugerechnet. Das sind Angststörungen, bei denen die Angst vor der prüfenden Beobachtung anderer im Vordergrund steht. Die auslösende Ursache liegt meistens im Jugendalter der Betroffenen.


Wie stellt der Arzt die Diagnose?

Vor der Diagnose einer Paruresis ist es wichtig bei einem Urologen körperliche Ursachen für die Störung der Blasenentleerung auszuschließen. Beispiele sind Erkrankungen der Prostata oder der Harnröhre.

Voraussetzung für die Diagnose der Paruresis ist neben den oben bereits genannten Symptomen das Vermeidungsverhalten, das zu einer bedeutsamen Einschränkung des täglichen Lebens führt. Seit 2001 steht auch im deutschsprachigen Raum ein standardisierter Fragebogen als Hilfsmittel zur Diagnose zur Verfügung.

Behandlungsbedürftig ist eine Paruresis, wenn sich ein Betroffener dadurch beeinträchtigt fühlt, selbst dann, wenn es sich um eine milde Form handelt.

Behandlung der Wahl: eine kognitive Verhaltenstherapie

Oft zieht sich eine Paruresis über Jahre oder gar Jahrzehnte hin, bevor die Betroffenen sich Hilfe holen. Ein wichtiger Grund ist, dass die Form der Phobie, obwohl sie doch relativ verbreitet ist, selbst unter Fachleuten noch nicht allgemein bekannt ist.

Dabei sind die Aussichten auf eine erfolgreiche Behandlung sehr gut. Die Therapie der Wahl ist eine sogenannte kognitive Verhaltenstherapie. Dazu gehören verschiedene Bestandteile:

  • Graduelle Exposition: Das ist die schrittweise Annäherung an die angstauslösende Situation. Dazu erstellt der Betroffene eine Liste aller Auslöser für die Stressreaktion. Dann stellt er sich unter therapeutischer Anleitung der Reihe nach den verschieden angstbesetzten Situationen, beginnend mit der leichtesten bis hin zur schwersten. Voraussetzung für die erfolgreiche Übung ist eine ausreichende Trinkmenge und ein spürbarer Harndrang. 
  • Kognitive Behandlungsstrategien: Hier geht es darum, die negative Bewertung zu verändern. – Wenn es mir egal ist, was die anderen darüber denken, wie lange ich auf der Toilette brauche, entsteht gar nicht mehr so viel Druck. Voraussetzung ist das Erkennen und Bewusstmachen störender Gedanken.
  • Entspannungsverfahren: Dazu gehören zum Beispiel die progressive Muskelrelaxation nach Jacobson und die sogenannte Kegelübung. Ein bewusstes An- und Entspannen des Beckenbodenmuskels erleichtert die willentliche Steuerung der Blasenentleerung.

Diese Therapie wird unter Fachleuten und Betroffenen als sehr wirksam eingeschätzt. Bei 75 Prozent der Betroffenen lassen sich die Symptome schon im Rahmen einer Kurzzeittherapie, also in etwa 20 Therapieeinheiten, teils ganz beheben oder zumindest wesentlich bessern – selbst wenn Beschwerden schon lange bestanden.

Vor allem bei leichteren Symptomen ist unter Umständen auch eine Selbstbehandlung möglich. Eine Anleitung für die Selbstbehandlung gibt ein Patientenratgeber.

Beratender Experte: Professor Dr. Philipp Hammelstein

W&B/Privat

Beratender Experte: Professor Dr. Philipp Hammelstein

Professor Hammelstein ist Diplom-Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie und Klärungsorientierte Psychotherapie. Er ist leitender Psychotherapeut der Christoph-Dornier-Klinik für Psychotherapie. Zu seinen  Forschungsschwerpunkten gehören unter vielen anderen Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen und sexuelle Störungen. Seit 2011 hat er eine außerplanmäßige Professur der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf inne. Gemeinsam mit seinem amerikanischen Kollegen Steven Soifer ist er Vorreiter der Forschung auf dem Gebiet der Paruresis.

Quellen:

Hammelstein P: Lass es laufen! Ein Leitfaden zur Überwindung der Paruresis, Lengerich Berlin Bremen Pabst Science Publishers, 2005

Hammelstein P: Paruresis: Bemerkungen zur Ätiologie und vehaltenstherapeutischen Behandlung. In: Verhaltenstherapie 2002; 12_224-227

Hammelstein P, Soifer S: Is ‘‘shy bladder syndrome’’ (paruresis)
correctly classified as social phobia?. In: Anxiety Disorders 20 (2006) 296–311
 
Hammelstein P, Pietrowsky R, Merbach M et al.: Psychogenic Urinary Retention (‘Paruresis’): Diagnosis and Epidemiology in a Representative Male Sample. In: Psychother Psychosom 2005;74:308–314

Hammelstein P: Ist männlicher Geschlechtsrollenstress spezifisch für Männer mit paruretischer Symptomatik? In: Verhaltenstherapie & Verhaltensmedizin 2006, 27 (1), 43 – 54


Wichtiger Hinweis:

Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.




Bildnachweis: Thinkstock/istock, W&B/Privat, Corbis/Sven Hagolani

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